Studienblog

Neuro-Linguistisches Programmieren (NLP)

Funktionieren NLP-Coachings oder Therapien?

NLP oder Neuro-Linguistisches Programmieren wird innerhalb von Coachings und Therapien angewandt. Vor allem die Persönlichkeitsentwicklung soll von NLP gefördert werden. Wie sieht allerdings die wissenschaftliche Forschung NLP und existieren Wirkungsnachweise?

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Was ist eigentlich NLP?

NLP ist ein Konszept, welches eine Theorie zur Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und zur Kommunikation beinhaltet. Außerdem beinhaltet NLP unterschiedliche Methoden einsetzbar in Therapien, in Coachings sowie allgemein zur Persönlichkeitsentwicklung.

NLP ist sehr beliebt. Einige international agierende Konzerne haben bereits NLP-Coachings in Anspruch genommen. Dazu gehören IBM und McDonald’s, aber auch die NASA, die US Army, das US-Olympiateam und viele Schulsysteme in unterschiedlichen Ländern. Auch in Universitäten auf der ganzen Welt findet man NLP, wenn auch in aller Regel nicht als Studiengang, sondern als zusätzliche Weiterbildungsmöglichkeit (Witkowski, 2010).

NLP-Seminare, wie sind sie entstanden?

Entstanden ist NLP in den 1970er Jahren. Richard W. Bandler und John Grinder untersuchten die Arbeit von besonders guten Therapeuten mit dem Ziel, ein Therapiemodell zu entwickeln. Die zugrundeliegende Idee war, dass die Therapeuten unbewusster Weise auf Basis ein und derselben Theorie arbeiten würde. Innerhalb dieser Forschungsarbeit entstand der zentrale Leitsatz „The Map is not the Territory“. Die „Map“ zu Deutsch die Karte ist herbei das, was wir zu Wissen meinen, wahrnehmen - unsere Sichtweise auf die Welt. „Territory“ hingegen ist die tatsächliche Welt, also das, was von der Karte beschrieben werden soll. Eine Karte kann allerdings die Welt nicht zu 100% genau abbilden. Unsere Sichtweise auf die Welt ist also immer fehlerhaft. Ein Therapeut müsse entsprechend auf Basis der Karte des Patienten agieren. Ein Ansatz, der im Übrigen in sehr vielen Therapie, Wahrnehmungs- und Kommunikationsmodellen existiert, z. B. der wissenschaftlich anerkannten kognitiven Verhaltenstherapie.

Die Karte entsteht und wird gefüttert durch unsere Wahrnehmung, welche wiederum auf Informationen unserer Sinne basiert. Laut NLP bevorzugt jeder Mensch die die Informationen von einem oder zwei Sinnen, auch „primary representational system“ (PRS) genannt. Entsprechend sollte ein Therapeut die Therapie auf das PRS des Patienten abstimmen, also den oder die entsprechenden Sinn/e ansprechen.

Welches PRS man bevorzugt, könne, so die NLP-Theorie, anhand von Augenbewegungen eindeutig bestimmt werden.

Besonders interessant bei der Entstehung von NLP ist, dass die beiden Entwickler gar kein Interesse an einer wissenschaftlichen Validierung ihres Konzepts hatten. Richard W. Bandler war sogar der Meinung, dass NLP keine Wissenschaft sei, sondern Kunst und dass eine wissenschaftliche Prüfung entsprechend sinnlos sei (Witkowski, 2010).

Studien über NLP

Die Studienlage zu NLP ist, obwohl es bereits seit den 70er existiert, nicht gut. Natürlich haben wir uns bei unserer Suche auf Studien zur allgemeinen Wirksamkeit von NLP, also Meta-Studien, beschränkt. Wir wollten schließlich der Frage nachgehen, funktioniert NLP und wenn ja, wie gut? Wenige Studien zu einem Forschungsthema ist allerdings nie ein gutes Zeichen, vor allem, wenn das zu testende Konzept bereits seit vielen Jahren existiert. Zum Big-Five Persönlichkeitskonzept beispielsweise existieren bei weitem mehr Studien und Meta-Studien. Obwohl die Big-Five erst im Laufe der 80er Jahre, also 10 Jahre später, abschließend entwickelt wurden, zitiert alleine diese Webseite wohl mindestens 5 Meta-Studien zum Thema Big-Five.

Die Meta-Studie zur Wirksamkeit von NLP

Wir konzentrieren uns hier auf die Meta-Studie von Witkowski (2010) zur Wirksamkeit von NLP, da diese die zwei weiteren Metastudien, die wir finden konnten, sowieso beinhaltet.

Normaler Weise ist bei Meta-Studien die Suche von Studien eine sehr zeitraubende Tätigkeit. Unterschiedliche digitale Wissenschaftsbüchereien müssen durchforstet werden, unterschiedliche Suchwortkombinationen müssen ausprobiert werden und dann müssen die vorgeschlagenen Forschungspaper einzeln geprüft werden, ob sie überhaupt das richtige Thema haben. In diesem Fall jedoch hatte der Autor das große Glück, dass bereits eine große Datenbank speziell für Studien zum Thema NLP existiert, die „Neuro-Linguistic Programming Research Data Base“ Hücke (2020). Diese wird von der NLP-Community selbst gepflegt und kann wohl als die vollständigste Sammlung von Studien zum Thema NLP bezeichnet werden. Auf jeden Fall wurde sie dem Studienautor vom Vorsitzenden des polnischen NLP Instituts empfohlen. Die Datenbank enthält insgesamt 315 Einträge stand 2009. Bis April 2020 hatte sich die Anzahl auf 442 Einträge erhöht.

Auswahl der Studien über NLP

Erster Auswahlschritt der NLP-Studien – Mindestanforderung an die Studienqualität

Bei Meta-Studien wird nicht jede Studie, die an sich zum Thema passt, auch ausgewertet. Welche Studien tatsächlich genutzt werden, ist von mehreren Faktoren abhängig. Werden zum Beispiel alle benötigten Maße berichtet und wenn nicht, ist es immerhin noch möglich diese nachträglich vom Autor zu erhalten? Am wichtigsten ist allerdings die Qualität der Studie. Um diese beurteilen zu können, muss das Studiendesign geprüft werden. Ein klassisches Indiz für eine schlechte Qualität ist zum Beispiel, wenn keine Kontrollgruppe in der Studie genutzt wurde. Kontrollgruppen sind deshalb so wichtig, weil durch diese überhaupt erst eine Beurteilung möglich ist, ob eine Maßnahme einen Effekt hat, der nicht auch bei Personen vorliegt, die gar nicht an der Maßnahme teilgenommen haben.

Es existieren unterschiedliche Wege, um die Qualität einer Studie festzustellen. Der Autor hat als ersten Filterschritt geprüft, welche Studien in Wissenschaftsmagazinen (Journals) veröffentlicht wurden, welche in der „Master Journal List“ aufgelistet werden. Journals stellen die zentrale Veröffentlichungsmöglichkeit von Forschern dar. Je bekannter und beliebter ein Journal, desto höher sind die Qualitätsstandards desselben. Das „Science“ Journal gehört zum Beispiel zu den seltenen Journalen, welche auch vielen Laien bekannt sein dürften. Neben den guten Journals, die auf die Qualität von Studien achten, gibt jedoch auch viele Journals, die Fake-Artikel oder schlecht gemachte Studien veröffentlichen. Nur weil ein Forschungspaper in einem Journal veröffentlich wurde, heißt das also noch lange nicht, dass das Paper eine hohe Qualität aufweist. Um dieser Problematik zu begegnen, wurde die „Master Journal List“ entwickelt. Journals, die hier aufgelistet wurden, achten auf die Qualität der Studien, die sie veröffentlichen. Sicherlich ist die Liste nicht fehlerfrei, aber die Wahrscheinlichkeit steigt immens, dass Studien, veröffentlicht in Journals dieser Liste, eine wissenschaftliche Mindestqualität einhalten.

Von den 315 ursprünglichen Studien blieben nach diesem Filterschritt 63 übrig. Nur 20% der Studien innerhalb der „Neuro-Linguistic Programming Research Data Base“ wurden also in Journals veröffentlicht, bei denen von einer Mindestqualität der Studien ausgegangen werden kann. Die restlichen 252 Forschungsarbeiten besitzen ergo eine zu schlechte Qualität.

Was weiter auffällt, ist, dass die 63 übrig gebliebenen Forschungsartikel vor allem aus den 80ern stammen. Ein weiteres Indiz, welches nicht für die Qualität der Forschungsarbeiten spricht. Seit den 80er sind viele neue Methoden entwickelt worden, um die Qualität von Studien zu verbessern, hierzu gehört nicht zuletzt die technische Entwicklung. Dank moderner Computer sind statistische Berechnungen möglich, die man in den 80ern zum Teil gar nicht durchführen konnte oder man benötigte Zugang zu Computern, die sich nur große Universitäten leisten konnten.

Zweiter Auswahlschritt der NLP-Studien – Studienart und erste Inhaltsichtung

Im nächsten Analyseschritt betrachtet der Autor den Inhalt der 63 relevanten Studien differenzierter. Es zeigte sich, dass von den 63 Studien nur 33 quantitativer Natur sind und somit zur quantitativen Auswertung geeignet sind. Weitere 14 sind qualitative Studien und die letzten 16 Studien haben schlicht keinen Bezug zu NLP.

Eine kleine Erklärung zum Unterschied von quantitativen und qualitativen Forschungsarbeiten. Qualitativ bedeutet in der empirischen Forschung, dass wenige Fälle betrachtet werden, oft sogar nur einer. Die wenigen Fälle prüft man dafür sehr intensiv und in die Tiefe gehend. Qualitative Forschungsarbeiten stehen immer am Anfang eines Forschungsprozesses. Dann, wenn man sich noch nicht sicher ist, was den die Theorie und die Hypothesen beinhalten. Die Arbeit der Gründer von NLP in den 70er zum Beispiel ist ein gutes Beispiel für qualitative Forschungsarbeit, also die Beobachtung und Analyse von nur wenigen Probanden. Aus dieser Arbeit ist die NLP-Theorie entstanden.

Prüfen, ob die NLP-Theorie stimmt, kann man nur mit quantitativer Forschungsarbeit, nicht qualitativer. Bei quantitativer Forschung werden viele Probanden benötigt. Statistische Operationen, wie Signifikanztests, ermöglichen schließlich ein Urteil über die erarbeitete Theorie. Zur Prüfung, ob eine Theorie bzw. davon abgeleitete Hypothesen stimmen, können also ausschließlich quantitative Studien genutzt werden. Die 14 qualitativen Studien können entsprechend nicht genutzt werden, um zu prüfen, ob NLP funktioniert.

Die 16 Studien, bei denen der Autor keinen Bezug zu NLP fand, sind besonders Kurios. Unter ihnen fand der Autor eine Forschungsarbeit zu den Änderungen der Sowietpsychologie zu Zeiten der Perestroika, einen Bericht über soziale und ethnische Grenzen der Psychologie und auch eine Studie zum Status von Pharmazisten. Natürlich eignen sich Studien ohne Bezug zu NLP nicht zur Prüfung von NLP. Warum diese Studien trotzdem in der NLP-Datenbank enthalten sind, ist äußerst seltsam, man könnte meinen, dass man versucht hat, die Anzahl der Studien künstlich zu erhöhen.

In jedem Fall verkleinert sich somit die Anzahl von nutzbaren Studien auf 33.

Ergebnisse der Meta-Studie

Grundsätzlich berichten von diesen 33 Studien nur 9 Studien (27,3) Ergebnisse, die für eine Wirkung von NLP sprechen. Weitere 18 Studien (54,5%) berichten Erebnisse, die gegen eine Wirkung von NLP sprechen und 6 Studien (18,2%) berichten Ergebnisse, die zu keinem Ergebnis über die Wirkung von NLP kommen. Alleine diese grundsätzliche Bilanz spricht eindeutig gegen eine Wirksamkeit von NLP. Allerdings lohnt sich hier auch ein näherer Blick auf die Studien. Wichtig zur Abschätzung, ob NLP funktioniert sind solche Studien, die die grundsätzlichen Theorien prüfen sowie solche, die gut gemacht sind. Wenn die Studien, welche für die Wirksamkeit von NLP sprechen, die qualitativ besseren sind und vor allem die grundsätzlichen Hypothesen NLPs prüfen würden, müsste das Verhältnis von Pro und Kontra Studien neu bewertet werden.

Studien, die für eine Wirkung von NLP sprechen

Die meisten Studien dieser Gruppe besitzen keine Kontrollgruppe. Somit besitzen sie eine schlechte Qualität per se. Aber damit nicht genug, von den 9 NLP unterstützenden Studien prüfen nur 3 die zentralen Hypothesen. Insgesamt kam keine der unterstützenden Studien überhaupt zum eindeutigen Ergebnis, dass unterschiedliche PRS, also bevorzugte Sinnessysteme, überhaupt existieren. Auch, dass Menschen bevorzugt nur ein PRS nutzen würden, belegt keine dieser Studien. Darüber hinaus besitzen die Studien zahlreiche methodische Fehler, die über die fehlenden Kontrollgruppen hinausgehen.

Studien, die gegen eine Wirkung von NLP sprechen

Unter den 18 Studien, die NLP als nicht wirksam bewerten, befinden sich alleine 5 Studien, welche die zentrale Augenbewegung-PRS-Hypothese prüfen. Alleine zu einer zentralen Hypothese NLPs beinhalten also die 18 gegen die Wirksamkeit von NLP sprechenden Studien mehr Untersuchungen, als die 9 für NLP sprechenden Studien überhaupt an Untersuchungen zu zentralen Hypothesen von NLP beinhalten.

Weitere Studien testeten, ob tatsächlich Zusammenhänge zwischen dem bevorzugten Sinn (PRS) und Verhaltensweisen wie der Auswahl von Worten existiert. Eine weitere Behauptung des NLP-Konzeptes welches empirisch nicht bestätigt werden konnte.

Unter den 18 Studien befinden sich auch zwei Meta-Studie, die wiederum 11 weitere Studien beinhalten, welche nicht in der NLP-eigenen Studiendatenbank zu finden sind. Dies ist insofern seltsam, als dass die Betreuer der NLP-Datenbank entweder die selbst zusammengestellten Studien nicht lesen, sonst wäre ihnen schließlich aufgefallen, dass sie ihrer Sammlung 11 weitere Studien hinzufügen können, oder aber sie haben bewusst diese 11 Studien nicht berücksichtigt. Vor allem erstere Überlegung erscheint besonders plausibel, da auch die zwei Meta-Studien zu einem sehr schlechten Ergebnis für NLP kommen. Diese kommen nämlich zum Schluss, dass ein PRS a) weder per Augenbewegung noch über Fragebogen identifizierbar ist und b) keine Daten existieren, die zeigen würden, dass NLP Klienten helfen würde, sich zu ändern und damit hilfreich ist.

Wohlgemerkt, diese Übersichtsarbeiten sind aus den 1980er. Noch in den 80er wurden also klare Belege gefunden, dass NLP nicht funktioniert. Aber damit nicht genug, Witkowski (2010) zitiert in seiner Meta-Studie außerdem Untersuchungen, die unteranderem spezifische therapeutische Techniken NLPs untersucht haben. So konnte kein Effekt von NLP-Einzeltherapiestunden zur Heilung von Angststörungen gefunden werden und ebenso kein Effekt der NLP-Pacing-Techniken. Auch die US-Army kam schließlich zum Schluss, dass NLP keinen leistungsverbessernden Effekt hat.

Die Qualität der sich gegen NLP aussprechenden Studien ist außerdem höherwertiger als die der Pro-NLP-Studien. So besitzen die meisten der NLP nichtunterstützenden Studien Kontrollgruppen und die meisten Ergebnisse wurden repliziert. Das heißt, die gleichen, negativen Studienergebnisse wurden von mehreren Untersuchungen gefunden.

Fazit – Was kann man von NLP-Coaching und Therapien erwarten?

Die Antwort ist einfach - wenig!

Quantitativ wie qualitativ sprechen die Daten eine klare Sprache. Die NLP unterstützenden Studien sind in ihrer Zahl nicht nur geringer, sondern in ihrer Qualität auch noch schlechter als die NLP widerlegenden Studien.

Die Daten erlauben daher nur eine Schlussfolgerung: NLP funktioniert nicht!

In der Fachwelt ist dies seit den 1980er Jahren auch bekannt. Leider erlaubt es die Rechtsprechung, dass Konzepte wie NLP, die seitens der Wissenschaft bereits seit langem als unwirksam belegt wurden, weiterhin verbreitet werden dürfen. Besonders schlimm ist dies in Bezug auf Therapieangebote. Ernsthaft kranke Menschen sitzen hier Scharlatanen auf, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen, aber nichts davon halten können. Im besten Fall verlieren die Opfer nur ihr Geld. Im schlimmsten Fall kommt es zu selbstverletzenden oder fremdverletzendem Verhalten, was durch eine wirksame Psychotherapie verhindert hätte werden können.

Unseriöse Angebote wie NLP ziehen darüber hinaus die gesamte Psychologie und tatsächlich helfende therapeutische Behandlungen in den Dreck. Da sie keinen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit haben, unterstützen sie letztendlich die gesellschaftliche Meinung, dass Psychotherapien nichts bringen würden. Dies hemmt gerade diejenigen, Hilfe aufzusuchen, die Hilfe bitter nötig haben. NLP stellt somit ein gesamtgesellschaftliches Gesundheitsrisiko dar. Mit diesem Wissen erscheint es besonders unverständlich, dass Medikamente intensiv auf ihre Nebenwirkungen und Wirkung getestet werden, Therapieangebote hingegen nicht.

Ein einfacher Vergleich. Man stelle sich vor, man würde sein defektes Auto in eine Werkstatt bringen. Als man es wieder abholen möchte, fährt es allerdings immer noch nicht und man muss trotzdem den vollen Preis bezahlen. Jeder würde hier von Betrug sprechen. NLP hingegen darf weiter sein Unwesen treiben, dabei gehen auch dort Menschen mit einem Problem hin, welches nicht gelöst wird und sie müssen trotzdem zahlen!

Literaturverzeichnis

Hücke, F.-J. (2020). Neuro-Linguistic Programming Research Data Base. Verfügbar unter http://www.nlp.de/cgi-bin/research/nlp-rdb.cgi

Witkowski, T. (2010). Thirty-five years of research on neuro-linguistic programming. NLP research data base. State of the art or pseudoscientific decoration? Polish Psychological Bulletin, 41 (2), 58–66.