Studienblog

Geschlechterunterschiede Teil 3

Müssen Männer und Frauen unterschiedlich sein?

In Teil 1 und Teil 2 dieses Themas sind wir auf bestehende bzw. nicht bestehende Unterschiede zwischen Männern und Frauen eingegangen. Wir konnten feststellen, dass es kein typisch männliches oder typisch weibliches Gehirn gibt, aber auch, dass eindeutige Geschlechtsunterschiede in der Persönlichkeit existieren.

Worauf wir noch nicht eingegangen sind, ist das Warum. Warum sind Männer und Frauen unterschiedlich in ihrer Persönlichkeit und müssen sie unterschiedlich sein? Ist die Unterschiedlichkeit vielleicht sogar angeboren?

Die verbreitetste Theorie zur Klärung der Frage nach dem Warum geht von zwei ursächlichen Faktoren aus, den Personen- und den Umweltfaktoren. Zu den Personenfaktoren gehören in erster Linie die Gene, zu den Umweltfaktoren quasi der gesamte Rest. Man ist sich heute außerdem relativ sicher, dass die Persönlichkeit zu 50% durch die Genetik, also Personenfaktoren, und zu 50% durch die Erfahrung, also Umweltfaktoren, bestimmt wird.

Wir können also mit hoher Sicherheit erklären, warum wir sind, wie wir sind. Somit verursachen entweder die Gene, Erfahrungen oder beide in Kombination die Geschlechtsunterschiede. Tatsächlich ist noch nicht geklärt, woher die Persönlichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen kommen. Das Zusammenspiel zwischen Personen- und Umweltfaktoren ist höchst komplex. Ein Blick auf die Studie von Schmitt, Realo, Voracek und Allik (2008), die die Persönlichkeitsunterschiede von 55 unterschiedlichen Kulturen miteinander verglichen haben, kann zwar ebenfalls nicht erklären, was die Unterschiede verursacht, sie zeigt allerdings eindrucksvoll, dass Geschlechtsunterschiede nicht sein müssen!

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Definition Persönlichkeit

Die Persönlichkeit beschreibt relativ stabile Verhaltenstendenzen. Jemand der sich gerne unterhält, wird diese Tendenz unabhängig von der konkreten Situation zeigen. Ob in der Schule, der Uni, am Arbeitsplatz oder bei sich zu Hause. In der modernen Persönlichkeitspsychologie wird fast ausschließlich das Big Five Persönlichkeitskonzept angewandt. Keine andere Persönlichkeitstaxonomie konnte so oft in so vielen Kulturkreisen empirisch bestätigt werden. Der Name leitet sich von fünf sehr weit gefassten Persönlichkeitsdimensionen ab (Neurotizismus/Emotionale Instabilität, Extraversion, Offenheit für Erfahrung, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit). Die Dimensionen können nochmals in insgesamt 30 enger gefassten Facetten unterteilt werden. Mehr Infos rund um die Persönlichkeit und auch unseren Big Five Test findest du hier.

Was sind mögliche Einflussfaktoren der Kulturen auf die Persönlichkeit?

Insgesamt haben 17.637 Personen aus 55 Kulturen an der Studie von Schmitt et al. (2008) teilgenommen. Vertreten waren hierbei nicht nur europäische oder allgemein westliche Länder, sondern auch afrikanische, asiatische, arabische und lateinamerikanische Länder. Zudem wurde der Entwicklungsgrad der Länder anhand folgender Indikatoren bestimmt: Lebensdauer, Gesundheit, Zugang zu Wissen und Bildung für alle, Reichtum.

Die westlichen Länder erhielten hierbei die höchsten Werte im Entwicklungsgrad. Die im Teil 2 zu diesem Thema vorgestellte Studie z.B. ist eine schwedisch-US-amerikanische Kollaboration. Ihre Ergebnisse sind also auf mittel und nordeuropäische Länder sowie auf Nordamerika anwendbar, auf afrikanische Länder hingegen nicht!

Aufgrund des großen Einflusses von Umweltfaktoren auf die Persönlichkeit ist allerdings davon auszugehen, dass der Entwicklungsgrad einer Kultur die Persönlichkeit prägt.

In modernen westlichen Ländern sinkt der sogenannte Gendergap kontinuierlich. Die Biografien von Frauen und Männern werde sich also immer ähnlicher. So existieren zwar weiterhin Gehaltsunterschiede, allerdings nimmt die Anzahl der Hausmänner zu und Männer nehmen immer häufiger und länger Elternzeit bzw. Vergleichbares. Frauen übernehmen immer häufiger Führungspositionen und machen Karriere. In weniger entwickelten Ländern sind die Geschlechterrollen scheinbar sehr viel starrer. Frauen sind die hauptverantwortlichen für Belange der Kinder, Haushalt und Familie. Männer hingegen gehen bezahlter Arbeit nach.

Die größere Ähnlichkeit zwischen den Biografien der Geschlechter in westlichen Ländern sollte entsprechend zu einer größeren Persönlichkeitsähnlichkeit führen als in weniger entwickelten, nicht-westlichen Kulturen.

In welchen Kulturen sind die Geschlechtsunterschiede am Größten?

Die Antwort wird viele überraschen. Die Unterschiede sind in unserer Kultur am größten! Ausgerechnet die Länder, die sich für ihren hohen Grad an Gleichheit zwischen den Geschlechtern rühmen, produzieren die größten Geschlechtsunterschiede in der Persönlichkeit!

Je weiter weg man von den entwickelten westlichen Ländern geht, desto ähnlicher werden die Persönlichkeiten von Männern und Frauen. Sowohl im Nahen Osten, Afrika und Ost-/Südost-Asien ähneln sich die Persönlichkeiten von Männern und Frauen stärker als bei uns.

Ja, tatsächlich ist die Frau in allen Kulturen neurotizistischer (emotional instabiler) als der Mann, allerdings ist der Unterschied in Afrika nur halb so groß im Vergleich zu westlichen Ländern. In den anderen Persönlichkeitsdimensionen ist ein zum Teil noch größerer Grad der Angleichung erkennbar.

Besonders spannend ist auch, dass sich nur die Persönlichkeit der Männer in relevanten Maßstäben verändert. Der Angleichungseffekt in den nicht-westlichen Ländern ist also darauf zurückzuführen, dass der Mann der Frau ähnlicher wird und nicht, dass die Frau dem Mann ähnlicher wird. Die Persönlichkeit der Frauen bleibt relativ konstant von Kultur zu Kultur.

Sicherlich kann die Studie von Schmitt et al. (2008) an vielen Stellen kritisiert werden, allerdings überzeugt zum einen die große Anzahl an Teilnehmern, zum anderen ist das Bild erstaunlich kohärent. Wenn die Angleichung der Persönlichkeit in nur einem Kulturraum wie Süd-Ost Asien zu sehen wäre, dann hätte man dies als lokales Phänomen betrachten können. Man findet sie jedoch in allen „nicht-westlichen“ Kulturräumen. Man kann außerdem kritisieren, dass das Big Five Persönlichkeitskonzept in einigen der analysierten Kulturräumen nicht vollständig repliziert werden konnte. Allerdings werden meist drei oder vier der Big Five Persönlichkeitsdimensionen gefunden. Da sich die Persönlichkeitsangleichung auf alle Dimensionen bezieht, kann man sich sicher sein, dass sich der Effekt auf alle replizierbaren Dimensionen bezieht, auch wenn es sich um weniger als fünf handeln sollte.

Insgesamt macht die Studie also einen guten Eindruck und unabhängig davon, wie stark der Angleichungseffekt letztendlich genau ist, gehen wir davon aus, dass die grundsätzliche Schlussfolgerung stimmt und sich die Persönlichkeiten von Männern und Frauen in den westlichen Ländern stärker unterscheidet als in den nicht-westlichen Ländern.

Warum kommt es zum Angleichungseffekt?

Warum sich die Persönlichkeiten der Geschlechter in nicht-westlichen Ländern angleicht, kann nur vermutet werden. Die Autoren nennen unterschiedliche Erklärungsansätze. Wobei man sich sicher ist, dass genetischen Faktoren, also dass sich der westliche Mensch genetisch diesbezüglich vom nicht-westlichen Menschen unterscheidet, ausgeschlossen werden kann.

Außerdem kann ausgeschlossen werden, dass die Angleichung mithilfe der nicht bewiesenen Theorie über Geschlechterteilung in der Jäger-Sammler-Kultur erklärt werden kann. Alos der Idee, dass die Männer unserer frühen Vorfahren die Jäger und die Frauen die Sammler waren. Denn dieses Rollenbild, mit dem Mann als Jäger, Kämpfer, Ernährer und der Frau als Sammler, Erzieher und Koch sind in nicht-westlichen Ländern viel ausgeprägter. Wenn Geschlechtsunterschiede auf genetische Manifestationen der Rollenverteilung unserer Vorfahren zurückzuführen wären, dann müssten diese in nicht-westlichen Ländern viel ausgeprägter sein, wo die „klassische“ Rollenverteilung gesellschaftlich stärker verbreitet ist.

Eine von den Autoren getätigte Annahme lautet, dass der hohe Grad an Reichtum sowie der wenige Stress in den reichen westlichen Nationen die Unterschiede erzeugt. Tatsächlich sind vor allem Männer sehr sensibel in Bezug auf Ernährung/Gesundheit und Stress. Je schlechter die Bedingungen bei Aufwachsen, desto geringer der Einfluss der Gene auf z.B. die Körpergröße. So ist in reichen Nationen die Variabilität der Körpergröße bei Männern größer als in armen Ländern. Die Größe der Frau ist hingegen viel unabhängiger von äußeren Faktoren.
Kurz - wenn Mann nicht genug zu essen hat, werden einige Gene erst gar nicht angeschaltet. Die Idee ist also, dass dank der Annehmlichkeiten des Lebens in den reichen westlichen Länder mehr Gene des Mannes aktiviert werden und die Persönlichkeitsunterschiede erzeugen. Worauf die Autoren allerdings nicht eingehen, ist, dass auch in den reichen asiatischen Ländern (Japan, Taiwan, Korea) sich Männer und Frauen viel ähnlicher sind als in den reichen westlichen Ländern (z.B. Deutschland, Frankreich, Niederlande). Dabei ist die Bevölkerung in diesen asiatischen Ländern ebenfalls sehr wohlhabend!

Vielleicht unterscheidet unsere westliche Gesellschaft tatsächlich Geschlechter stärker als nicht-westliche Gesellschaften. Vielleicht bilden wir uns nur ein, mehr für die Gleichstellung der Geschlechter zu tun. Für gesellschaftlich erzeugte Unterschiede spricht auf jeden Fall, dass wie im 2. Teil dieses Beitrages besprochen, die Unterschiede Geschlechtsstereotype wiedergeben. Wir haben auch Beispiele genannt, wie die unterschiedliche Behandlung der Geschlechter zu den beobachteten Persönlichkeitsunterschieden führen kann.

Es ist und bleibt eine spannende Frage, die die Wissenschaft bisher nicht beantworten kann. Eines jedoch zeigt der Vergleich zwischen den Kulturen eindrucksvoll. Die Persönlichkeitsunterschiede zwischen Mann und Frau können stark reduziert werden. Im Sinne einer Gesellschaft, in der das Geschlecht nicht berufs- und lebenswegdeterminierend sein soll, sollten wir dies auch anstreben.

Literaturverzeichnis

Schmitt, D. P., Realo, A., Voracek, M. & Allik, J. (2008). Why can't a man be more like a woman? Sex differences in Big Five personality traits across 55 cultures. Journal of personality and social psychology, 94 (1), 168.